Caroline Stöppler - Guten Flug | New New York | Short Stories




 

 















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PROBELESEN  
  Leseproben aus dem Buch "New New York"


Hochwasser auf den Dächern

Viele Besucher New Yorks fragen sich,was es mit den altmodischen Behältern
auf den Dächern auf sich hat.Es sind Wassertanks.Der niedrige Druck der New
Yorker Wasserleitungen macht sie erforderlich –auch bei den modernen Hoch-
häusern.Das Wasser kann dann von oben nach unten fl ießen,in die Küchen und
Bäder,und vor allen Dingen in die Feuerwehrschläuche.

Auf manchen Gebäuden sind die Wassertanks hinter Mauern verborgen,doch
bei sehr vielen sieht man sie noch,die Holzfässer aus vergangenen Tagen,oder
aus den heutigen.Die Lebensdauer der Holzfässer liegt bei fünfundzwanzig
bis zu fünfzig Jahren.Und werden sie ausgewechselt,müssen sich die Arbeiter
sehr beeilen.Wer will schon auf fl ießendes Wasser verzichten,auf diese Selbst-
verständlichkeit,die bei Reparaturen von gut eingespielten Teams sehr schnell
wieder hergestellt werden muss.

Nach wie vor sind es die Wassertanks aus Holz,die bevorzugt werden.New
York hat zu heiße Sommer und zu kalte Winter für Stahl,der anfälliger und wi-
derspenstiger ist.Holz arbeitet mit der Witterung zusammen,das Wasser bleibt
frisch und gut temperiert.

Das »Hochwasser «auf New Yorks Dächern ist ein Wahrzeichen der Stadt,das
es nur hier gibt und nirgendwo sonst in Amerika.Daher auch beliebtes Motiv
für Fotografen und oft in Musikvideos zu sehen.


ZEITLUPE. New Yorker (speziell in Manhattan) haben nie Zeit und nutzen diese gnadenlos. Bei Rot bleibt die Zeit mit der Ampel gestoppt. Besonderer Zeitvertreib an der Kreuzung ist das Pickelausdrücken im Auto. Dieser Kosmetik-Prozedur schließen sich auch Passanten an, die das Rot der Ampel, sofern sie überhaupt stehen bleiben, zu einer kosmetischen Ruhepause nutzen. Eine weitere Art der Zeitnutzung ist das Popeln in der Nase, um die kleineren "Big Apple" ans Tageslicht zu befördern.

HOMMAGE AN DEN BÜRGERMEISTER. Der 4. Juli, der Unabhängigkeitstag, wird in New York besonders gefeiert. Überall in der Stadt Feste und Veranstaltungen. Abends Feuerwerk am East River, zu dem auch der geliebt-gehasste Bürgermeister Giuliani erscheint. Schwarze machen sich auf den Weg, um ihren Bürgermeister zu grüßen. Sie tragen schwarze T-Shirts mit weißer Schrift, auf denen steht: "Fuck Giuliani!"

POLIZISTEN SIND AUCH NUR MÄNNER. Die Damen des "ältesten Gewerbes der Welt" machen einen Einkaufsbummel und fallen zunächst nicht auf. Schriller Kleidungs-Look ist in New York einen Blick wert - mehr nicht.
Ein junger Streifenpolizist wird plötzlich von den jungen Damen auf der Straße angesprochen und am Weitergehen gehindert. Er lacht und schüttelt den Kopf, ohne sich ernsthaft zur Wehr zu setzen. Man kann ihm ansehen, dass er sich geschmeichelt fühlt. Es folgen Komplimente über seinen Körperbau, die so lautstark geäußert werden, dass Passanten aufmerksam werden und das Lachen kaum noch unterdrücken können.
Der Streifenpolizist geht schneller, doch der schrille Schwarm folgt ihm. Schließlich ist er an seinem Streifenwagen angelangt. Sichtlich erleichtert lässt er sich in den Sitz fallen, schließt schnell die Tür und fährt los. Ein letztes Lächeln für die schreienden Verehrerinnen. Einige Meter weiter verringert er die Geschwindigkeit seines Wagens. Den Blick fest im Rückspiegel verankert genießt er noch die letzten Zurufe.

ENTFERNUNG
"Ist es noch weit bis zum East River?, wird ein New Yorker auf der Straße angesprochen.
"Nein, es ist ein schöner Spaziergang von einer halben Stunde, den ich nie machen würde", lacht er den Passanten an und verabschiedet sich.

NEW YORKER FREUNDLICHKEIT
"Haben Sie eventuell Erste-Klasse-Wagen, die nach Southampton fahren?", fragt eine Dame freundlich den Beamten am Bahnschalter, bei Außentemperaturen von 40 Grad.
"Na klar!", lacht der Herr in Uniform laut los. "Und Erdnüsse servieren wir natürlich auch, während wir mit den Armen wedeln, damit Ihnen kalt wird!"

SUBWAY-HALTESTELLEN-TALK
"New York ist nicht Amerika!"
"Was ist denn Amerika?"
"Auf jeden Fall nicht New York!!"


Szenen einer Stadt - nach dem 11. September 2001

DER ALTE INDIANERFELSEN ERZITTERT. Manhattan, auf einem alten Indianerfelsen erbaut, erzittert bei den Anschlägen vom 11. September im Süden Manhattans. Die Türme des World Trade Center stürzen ein, erschüttern neben dem Boden die Menschen. Tausende flüchten, wollen schnell nach Hause kommen. Einige bleiben an Telefonhäuschen stehen, versuchen ihren Angehörigen oder Freunden ein Lebenszeichen zu geben. Ihre Handys haben sie mit ihren Handtaschen im Büro gelassen, im WTC oder den umliegenden Gebäuden. Die Gegend wird abgeriegelt. Doch wenn sie es nicht wäre, viele wollen dort nicht mehr hin, in die Wolken aus heißem Staub, der die Menschen überzieht.
Denjenigen, die die Stadt verlassen wollen, begegnen diejenigen, die ihre Angehörigen suchen. Die laute Stadt New York ist an diesem Tag noch lauter. Einsatzfahrzeuge aller Art rasen durch die Straßen, ununterbrochen mit lauten Sirenen. Die Menschen sind fassungslos, treffen auf Verletzte, Weinende, Verstörte, Betende, Schreiende, Schweigende. Der Schock sitzt tief.
Stumme Kolonnen bewegen sich vorwärts in Richtung Norden, weg von dem Rauch und Staub, der überall ist, dessen Hitze den Atem raubt. Vielleicht ist der Staub auch Asche, Asche von Menschen, geht es vielen durch den Kopf. Dass es entführte Flugzeuge waren, die in die Türme rasten, erfahren die Menschen in New York wie der Rest der Welt durch die Horror-Nachrichten weiterer Abstürze in Washington und Pennsylvania über das Fernsehen. Obwohl die New Yorker es live erleben, können sie doch nicht glauben, was sie sehen. Ihr unangreifbares Land befindet sich im Krieg. New York hat mit 2.800 Toten die meisten Opfer zu beklagen.


GROUND ZERO WIRD GROUND HERO. Der Trümmerhaufen des WTC wird Ground Zero genannt, und die New Yorker nennen ihn bald "Ground Hero". Sie ehren damit die Retter und die vielen Helfer der Feuerwehr und Polizei, die Tag und Nacht in den Trümmern nach Überlebenden suchen. Hunderte von Polizisten und Feuerwehrleuten haben ihr Leben verloren, als sie in das WTC gingen, um Menschen zu retten. Mit einem Einsturz hatte niemand gerechnet. Ein Geistlicher der Feuerwehr, Father Judge, 68, wird von Kollegen tot aufgefunden.
Die Menschen säumen in den Tagen nach dem Anschlag die Straßen, um Rettern zu winken, ihnen Sandwichs und Flaschen mit Wasser zu reichen.


RUDY THE ROCK. Rudolph Giuliani, der geliebt-gehasste Bürgermeister New Yorks wächst über sich hinaus. Er ist überall in der Stadt unermüdlich im Einsatz, spendet Trost auf Beerdigungen, macht Mut in Fernsehansagen. Nun nennen ihn viele New Yorker voller Respekt "Rudy the Rock", ihren Felsen in der Brandung. Gerade noch bei einen Interview im Süden Manhattans, gleich später in einem anderen Stadtteil.


DER PRÄSIDENT BESUCHT NEW YORK. Jetzt kommt der Präsident, den die New Yorker nicht gewählt haben. Und viele fragen sich, warum er mit dem Besuch bis zum 15. September gewartet hat.
George W. Bush besucht Ground Zero, spricht mit den Rettungskräften, die erschöpft rund um die Uhr arbeiten und mehr Opfer als Überlebende bergen. Es wird eine patriotische Demonstration, als die Rettungshelfer im Chor rufen: !USA! - USA! - USA!"
Und dann kommt der, den sie gewählt haben, der nicht mehr Präsident ist: Bill Clinton ist in der Stadt. Viele sprechen ihn an, umarmen ihn.

EIN STADION ZUM TRAUERN. Das Yankee-Stadtium in der Bronx wird zwölf Tage nach den Anschlägen zum Schauplatz einer Trauerfeier, wie es sie nur in New York geben kann: Ein Meer von amerikanischen Flaggen. Gebete für die Opfer und Vermissten, und ein Gebet für Amerika.
Bekannte amerikanische Stars singen, und bei "God bless America" weinen nicht nur die Trauernden und Prominenten, sondern Fernsehzuschauer in aller Welt. Die Fernsehkameras sind auf die Trauernden gerichtet, deren kleine Kinder die amerikanische Flagge und Fotos ihrer toten oder noch vermissten Väter, Mütter oder beiden Eltern in der Hand halten. Auch hier ist zu hören: "USA! - USA! - USA!
Gebete aller Glaubensrichtungen werden vorgetragen: Kardinal Edward M. Egan der römisch-katholischen Diözese von New York, Imam Izak-El-Mu-eed Pasha von der Malcolm Shabazz Moshee in Harlem, Rabbi Arthur Schneier, neben anderen Christen, desgleichen Muslime, Juden, Sikhs und Hindu.


BACK TO NORMAL. Die Stadt ist lauter geworden, das Leben ist zurückgekehrt. Die Wall Street ist beliebt, belebt. Die New York Stock Exchange ist noch immer mit einer überdimensionalen US-Flagge geschmückt. Auch auf New Yorker Postkarten Patriotismus pur: "We will never forget!" Dass die New Yorker nicht vergessen haben oder werden, kann man überall in der Stadt hören und sehen. Doch New Yorker jammern nicht - zumindest nicht sehr lange. Sie jammern nicht über das Wetter, das in New York immer extrem ist; nicht über Arbeitslosigkeit, die sie oft mit neuen Ideen schnell beenden.
Die letzten Trümmer werden von Ground Zero entfernt. Es ist nur noch ein riesiges Loch vorhanden, eine tiefe Wunde, ein Loch im Herzen der Stadt. Noch immer ziehen lange Ströme von Besuchern vorbei.
Es gibt Pläne für den Wiederaufbau, die jedoch geheim bleiben sollen. Und wie hoch die Gebäude werden sollen, darüber wird noch diskutiert. Ginge es nach den Angehörigen der Opfer, dann sollte an dieser Stelle nicht mehr gebaut werden. Sie empfinden diese große Loch als großes Grab, das ganze Gebiet als Friedhof.
Eine Gedenkstätte solle es werden, darüber sind sich alle Verantwortlichen der Stadt einig. Doch es steht fest, dass das Gebiet bebaut wird. Das WTC war versichert, Investitionssummen sind also vorhanden. Und es sollen wieder Arbeitsplätze geschaffen werden, die durch die Anschläge verloren gingen. Außerdem sollen weitere Abwanderungstendenzen von Firmen verhindert werden.
Der Lebenswille dieser Stadt ist ungebrochen. Bereits kurz nach den Anschlägen sagte der amtierende Bürgermeister Rudolph Giuliani: "Wir werden es wieder aufbauen! Und das wiederauferstehende neue New York wird stärker sein als je zuvor."
Es braucht mehr als feige Anschläge, um diesen Willen zu brechen.


Essen und Trinken

Fast Food oder Jahrmarkt der Eitelkeiten? Beides, aber vor allem Sehen und Gesehen werden. Bei ebenerdigen Lokalen mit großen Fensterscheiben ist der erste Auftritt das Vorfahren mit großer Limousine. Die wird dann vom Personal weggeparkt - gegen gutes Trinkgeld. So fahren reiche New Yorker zum Essen, für das sie mehr ausgeben, als manch einer in der Woche zum Leben hat.
Einen guten Tisch erhält man gegen Vorkasse (10-20 Dollar) oder Reservierung. Stoffservietten, die so groß sind, dass man sie als Tischdecke benutzen kann, halten die Knie warm. Im Sommer sind die Restaurants nicht selten unter 18 Grad frisch, im Winter total überhitzt.
Im Sommer kann es passieren, dass das Bier mit Eiswürfeln serviert wird. Bierliebhabern jagt das einen weiteren Schauer über den kalten Rücken. Auf den deutschen Befehlston "NO ICE!!" wird eher belustigt reagiert.
Lunch ist meist preiswert. Abendessen - oder grundsätzlich das Essen in Restaurants - ist meist teuer.
Dass 15 Prozent für den Service nicht inklusive sind, wird auf der Rechnung dick eingerahmt, damit es auf keinen Fall vergessen wird. Die Kellner sind meist zuvorkommend und sehr nett. Sie leben vom Trinkgeld und komplimentieren alle möglichen Vor- und Nachspeisen, die zum Hauptgang passen, einschließlich der Getränke und noch einen Kaffee oder Tee dazu. Die Summe auf der Rechnung steigt und damit des Kellners Trinkgeld. Dessen Gesichtszüge werden immer entspannter. Der Gast isst und vergisst. Bis die Rechnung kommt und so manchem Gast außer den Knien auch schon das Lächeln eingefroren ist. Die Urlaubskasse bekommt ein Loch und der Kellner ein sattes Trinkgeld, für dessen Wert einige Mahlzeiten hätten bezahlt werden können. Natürlich an Plätzen ohne das "Warnschild": PLEASE WAIT TO BE SEATET. Dieses Hinführen zu einem Tisch kann ein teures und sehr interessantes Bühnenstück werden, und vielleicht besser als eine Broadway-Aufführung, über das alte Thema der menschlichen Schwächen und Eitelkeiten.



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